Herzlich Willkommen auf der Seite des Kompostwesens.
Hier finden sich unterschiedliche Werke, Künstler und Positionen.
Seit 1987 existieren wir als unsichtbares Kollektiv, das in regelmäßigen Abständen sichtbar wird. Wir sind ein Filmkollektiv aus Leipzig und beschatten die Seele Ostdeutschlands, wir sind ein Musikkollektiv aus Weimar und graben den Boden um für die uns versprochenen Blühenden Landschaften, wir sind eine Detektei in Hamburg und verhandeln mit Gespenstern, wir sind ein Roman und ein Parteiprogramm und eine Reform des öffentlichen Rundfunks. Wir haben einen riesigen Hunger auf konkrete Aktionen.
Mit diesem Blog wollen wir prahlen.
Wir wollen strahlen.
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Das Kompostwesen ist kein Werk im klassischen Sinn, kein abgeschlossener Text und kein Monument der Autorenschaft. Es ist ein Organismus im Werden — ein Textkörper, der sich fortwährend zersetzt, rekombiniert, weiterwächst und in neuen Schichten wiederkehrt. Es verarbeitet die eigenen Fragmente, speist frühere Gedanken in neue Konstellationen ein, lässt Teile verschwinden und andere hervortreten. Nichts bleibt endgültig fixiert. Das Kompostwesen ist der Ort, an dem Theorie, Erfahrung, Sprache und digitale Prozesse gemeinsam in Bewegung geraten.
In diesem Projekt wird Schreiben nicht als Akt der Setzung verstanden, sondern als Prozess der Umlagerung. Texte liegen nicht nebeneinander, sondern übereinander; sie bilden Sedimente, Verschiebungsschichten, semantische Horizonte. Frühere Formulierungen tauchen wieder auf, aber nicht als Zitat, sondern als Spur. Sie sind verändert, verschoben, angereichert oder ausgedünnt. Der Text erinnert sich nicht, er kompostiert. Er lässt seine eigene Vergangenheit nicht hinter sich, sondern baut auf ihr auf — indem er sie zerlegt.
Das Kompostwesen ist damit auch eine Absage an das Ideal der linearen Werkentwicklung. Es gibt keinen Fortschritt im Sinne einer endgültigen Verdichtung, kein Ziel, auf das alle Texte hinlaufen. Stattdessen entsteht ein Geflecht aus Variationen, Wiederholungen, Mutationen. Ein Gedanke erscheint in unterschiedlichen Registern: einmal philosophisch, einmal poetisch, einmal analytisch, einmal brüchig und tastend. Wahrheit ist nicht die eine gültige Formulierung, sondern die Konstellation dieser unterschiedlichen Fassungen, die sich gegenseitig kommentieren, überlagern und unterlaufen.
Die Zusammenarbeit mit KI ist in diesem Zusammenhang kein Fremdkörper, sondern Teil des ökologischen Prozesses des Textes. Die Maschine nimmt Fragmente auf, rekombiniert sie, bildet neue Pfade durch das Material, generiert unerwartete Anschlüsse. Doch was entsteht, ist nicht einfach eine Variation des Alten, sondern eine neue Schichtung im Textkörper. Der Mensch tritt nicht als Herr der Bedeutungen auf, sondern als Mitbewohner dieses Organismus. Er kuratiert, entscheidet, verschiebt, bricht ab, lässt stehen. Schreiben wird zu einer Interaktion zwischen menschlicher Stimme, maschinischer Rekombination und der Trägheit des bereits vorhandenen Materials.
Auf diese Weise verwandelt sich auch der Begriff von Autorenschaft. Die Frage ist nicht mehr: Wer hat diesen Satz geschrieben? Sondern: Durch welche Prozesse ist er geworden? Der Text gehört niemandem und zugleich allen Instanzen, die ihn durchlaufen haben — Körper, Erinnerung, Theorie, digitale Systeme, Affekte, Fehler, Reste. Der Autor ist nicht Ursprung, sondern Durchgangsform. Er ist jene Instanz, die zulässt, dass etwas durch sie hindurchgeht, ohne dass sie es vollständig besitzen kann.
Das Kompostwesen ist jedoch kein ästhetisches Spiel und keine bloße Technik der Variation. Es ist auch ein Ort der Verantwortung. Denn wenn Texte rekombiniert werden, wenn Worte und Gedanken in neue Kontexte überführt werden, entsteht die Frage nach dem, was nicht kompostiert werden darf. Traumatische Erfahrungen, historische Wunden, konkrete Lebenssituationen widerstehen einer rein formalen Umlagerung. Sie verlangen Zeugenschaft, nicht Transformation. Das Kompostwesen lebt in dieser Spannung: zwischen dem Drang, alles zu verarbeiten, und dem Wissen, dass manches unverfügbar bleiben muss.
Gleichzeitig ist es ein Raum der Befreiung. Es löst den Zwang, sich endgültig festlegen zu müssen. Ein Gedanke darf unfertig bleiben, ein Text unvollständig, eine Form porös. Die Unabgeschlossenheit wird nicht als Mangel verstanden, sondern als Bedingung der Lebendigkeit. Der Textkörper ist nicht schwach, weil er instabil ist — er ist lebendig, weil er nicht erstarrt. Er widersteht dem Anspruch auf Perfektion, indem er sich dem Prozess überlässt.
In dieser Hinsicht gleicht das Kompostwesen auch dem Subjekt selbst. So wie der Mensch als Dividuum, Holobiont und Meta-Mensch beschrieben wird, so existiert auch der Text als Vielheit. Er ist kein geschlossener Ausdruck eines inneren Kerns, sondern ein Geflecht aus Stimmen, Schichten, Resonanzen. Er trägt seine Widersprüche nicht aus, sondern mit sich. Er behauptet nicht Kohärenz, sondern sucht nach Formen, in denen Fragmentarität sprechfähig wird.
Vielleicht lässt sich sagen, dass das Kompostwesen das Schreiben in jene Form zurückführt, die ihm immer schon eingeschrieben war: nicht als Produktion eines endgültigen Sinns, sondern als Teilnahme an einem größeren Prozess der Umlagerung von Sprache, Erfahrung und Welt. Es ist ein Text, der weiß, dass er Teil eines Komposts ist — und der dennoch weiter spricht.