Mythos Kompost

 Kompost ist nicht nur Methode und Praxis, sondern auch Mythos. Er öffnet einen symbolischen Raum, in dem Welt und Kunst, Individuum und Kollektiv, Materie und Bedeutung sich gegenseitig durchdringen. Mythos bedeutet hier nicht Rückkehr zu archaischen Narrativen, sondern eine Form der Orientierung, ein imaginatives Koordinatensystem, in dem Erfahrungen verstanden, verknüpft und transformiert werden können. Kompost wird zu einem Ort — nicht im geografischen, sondern im existenziellen Sinn.

Dieser mythische Ort ist weder Transzendenz noch bloße Metapher. Er ist ein Zwischenreich: ein Raum der Übergänge, in dem Dinge nicht festgelegt sind, sondern sich noch im Werden befinden. Der Kompost ist eine Zone der Alchemie, in der Stoffe, Gedanken, Klänge und Körper aufeinander reagieren. Er produziert kein Gold, sondern Verwandlung. In dieser Kosmologie gibt es keine klare Trennung zwischen Lebendigem und Totem — alles ist Prozess, alles ist zirkulierende Materie, alles trägt Spuren von Anderem in sich.

Der Kompost-Mythos erzählt von einem Sein, das nicht abgeschlossen ist. Er widerspricht der Idee des isolierten Subjekts ebenso wie der des autonomen Kunstwerks. Im Kompost sind Subjekte permeabel, durchlässig, von Beziehungen gezeichnet. Die Identität eines Menschen entsteht nicht aus Abgrenzung, sondern aus Verflechtung. Man wird nicht „zu sich selbst“, sondern in Beziehung zu anderen. Der Kompost macht sichtbar, dass jedes Ich bereits ein Geflecht ist — ein Holobiont aus Körper, Erinnerung, Umwelt und Kultur.

Der Metatext „Kompost“ verbindet diese Perspektiven zu einer übergeordneten poetisch-philosophischen Struktur. Er ist nicht ein einzelner Text, sondern eine Textlandschaft, die sich über viele Medien und Situationen hinweg entfaltet: Essays, Lieder, Performances, Gespräche, Sessions, Fragmente, Fehlversuche. Jeder Beitrag ist zugleich Teil und Überschreibung. Der Metatext ist ein palimpsestartiger Organismus, der fortwährend überschrieben wird, ohne seine früheren Zustände zu verlieren. Er sammelt, statt zu schließen.

In diesem Sinn ist Kompost auch eine Form der Weltbeschreibung — eine Kosmologie, die das Verhältnis von Ordnung und Chaos neu denkt. Nicht das Feste, sondern das Zersetzende hält die Welt zusammen. Stabilität entsteht nicht durch Abgrenzung, sondern durch Zirkulation. Wo moderne Denkformen oft Reinheit, Klarheit, Distinktion suchen, setzt der Kompost auf Durchdringung, Hybridität, Übergang. Er verleiht auch dem scheinbar Wertlosen — Abfall, Rest, Überschuss — eine ontologische Würde. Nichts ist bloß Nebenprodukt.

Der mythische Charakter des Komposts liegt auch darin, dass er Erfahrungswissen speichert. Er ist Archiv ohne Zentrum. Kein lineares Gedächtnis, sondern ein rhizomartiges Gedächtnisfeld, in dem Spuren miteinander in Resonanz treten. Ein vergessen geglaubtes Motiv kann später an unerwarteter Stelle wieder auftauchen und sich mit anderem Material verbinden. Vergangenheit ist nicht abgeschlossen, sondern latent. Sie bleibt im Kompost anwesend, ohne die Gegenwart zu dominieren. Erinnerung wird nicht monumental, sondern lebendig.

Kompost als Mythos stellt gleichzeitig eine Kritik an heroischen Narrativen dar — an der Vorstellung des genialen Schöpfers, des singulären Werkes, der endgültigen Form. Stattdessen tritt eine poietische Ökologie an ihre Stelle: ein Werden, das viele Stimmen trägt, viele Hände, viele Spuren. Das Gemeinsame entsteht nicht durch Konsens, sondern durch Ko-Existenz. Mythos bedeutet hier nicht Einheit, sondern strukturelle Vielstimmigkeit. Der Kompost ist eine Polis ohne Zentrum — aber mit Gravitation.

In dieser Kosmologie spielt auch das Rituelle eine Rolle. Kompost-Praxis erzeugt Momente, in denen die Alltagsordnung außer Kraft gesetzt wird. In Sessions, Auftritten, kollektiven Experimenten wird eine Schwelle überschritten: Zeit dehnt sich, Bedeutungen verschieben sich, Identitäten werden durchlässig. Diese Rituale sind weder esoterisch noch nostalgisch; sie sind operative Übergangsräume. Sie erlauben es, das Eigene zu verlassen, ohne es zu verlieren. Der Mythos des Komposts gibt diesen Schwellenzuständen eine Sprache.

Der Metatext „Kompost“ wirkt dabei nach zwei Seiten. Nach innen fungiert er als Selbstbeschreibung des Projekts: Er gibt Orientierung, schafft Kontinuität, erlaubt Wiederkehr und Bezugnahme. Nach außen bietet er ein Denkmodell, das auf andere Kontexte übertragbar ist — sozial, politisch, ästhetisch, ökologisch. Der Kompost wird anschlussfähig, ohne zu verflachen. Er ist universalisierbar, weil er nicht normativ ist, sondern relational.

Die ästhetische Kosmologie des Komposts lässt sich nicht abschließend definieren. Sie bleibt offen, porös, veränderbar. Doch gerade darin liegt ihre Stärke: Sie produziert keinen dogmatischen Überbau, sondern ein Denk- und Erfahrungsfeld, das mitwächst, sich wandelt, neue Elemente integriert. Mythos heißt hier nicht Fixierung, sondern Erweiterbarkeit. Kompost ist ein permanent werdendes Universum.

Er ist der Ort, an dem Kunst, Leben und Denken sich nicht mehr voneinander trennen lassen — weil sie Teil desselben ökologischen Prozesses sind.