Die Kompost-Ethik beginnt nicht im Abstrakten, sondern im Körper. Wenn sie den Menschen nicht mehr als Individuum, sondern als Dividuum beschreibt, dann geschieht dies nicht nur aus philosophischer Spekulation heraus, sondern aus einer radikal materiellen Einsicht: Der menschliche Körper ist kein geschlossener Organismus, sondern ein gemeinsames Habitat, eine ökologische Einheit, in der zahllose Lebensformen zusammenwirken. Der Begriff des Holobionten beschreibt diesen Zustand. Er begreift den Menschen nicht als isoliertes Wesen, sondern als Verbundsystem aus menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren, die miteinander Stoff wechseln, Informationen austauschen und gemeinsam ein temporäres Gleichgewicht herstellen.
Der Körper, den die Moderne als Grenze des Selbst verstand, erscheint in dieser Perspektive als durchlässige Zone. Haut ist nicht mehr Schutzschild, sondern Kontaktfläche. Der Verdauungstrakt wird nicht länger als innerer Raum des Eigenen betrachtet, sondern als Resonanzraum zahlloser mikrobieller Gemeinschaften, die nicht bloß im Körper leben, sondern ihn aktiv mitgestalten. Diese Mikroorganismen steuern Verdauungsprozesse, beeinflussen Immunreaktionen, modulieren Stimmungen und greifen in hormonelle Kreisläufe ein. Sie sind weder Fremdkörper noch Parasiten, sondern Teil dessen, was wir „wir selbst“ nennen. Das Subjekt ist in diesem Sinn kein singuläres Wesen, sondern ein Ensemble.
Wenn der Mensch ein Holobiont ist, verschiebt sich die Frage nach Identität auf eine fundamentale Weise. Identität ist dann nicht Ausdruck eines autonomen Kerns, sondern Resultat eines Stoffwechselgeschehens. Sie entsteht an der Schnittstelle zwischen Körperchemie, bakteriellen Populationen, neuronalen Mustern, emotionalen Routinen, Erinnerungsfragmenten und sozialen Interaktionen. Was wir als charakterliche Stabilität erfahren, ist die relative Konstanz dieser Prozesse — doch selbst diese Konstanz ist prekär. Krankheiten, Traumata, Umweltveränderungen, Ernährung, Medikamente oder Lebensereignisse verändern die Zusammensetzung dieses inneren Ökosystems und damit auch das, was wir als unser Selbst erleben. Das Ich ist kein Eigentum, sondern ein Gleichgewichtszustand.
Der Holobiont unterwandert damit die Vorstellung des Menschen als souveräne Einheit. Er zeigt, dass das, was wir uns selbst zuschreiben, nicht ausschließlich aus uns selbst hervorgeht. Wahrnehmung, Affekt, Denkbewegung, Entscheidung — sie entstehen nicht im isolierten Gehirn, sondern in einem erweiterten System aus Körper, Bakterien, Umwelt und Technik. Der Körper denkt nicht allein. Er wird mitgedacht von all dem, was in ihn eingeschrieben ist und was mit ihm koexistiert. Die Trennung zwischen Subjekt und Umwelt wird in dieser Sichtweise porös. Wir sind nicht Wesen in einer Welt, sondern Verdichtungen in einem Feld von Beziehungen.
Gleichzeitig verweigert sich die Holobiont-Perspektive jeder romantischen Idealisierung des Verschmelzens. Sie beschreibt keine harmonische Einheit des Lebendigen, sondern ein prekäres, oftmals konflikthaftes Zusammenwirken heterogener Kräfte. Die Ko-Existenz im Körper ist nicht idyllisch. Sie ist eine ständige Aushandlung zwischen Stabilität und Veränderung, zwischen Kooperation und Konkurrenz, zwischen Gleichgewicht und Störung. In ihr zeigt sich jene Ambivalenz, die auch dem Kompost inhärent ist: Zersetzung und Hervorbringung sind nicht zu trennen. Leben bedeutet, sich fortwährend in Transformation zu erhalten.
In dieser Sichtweise verliert Reinheit ihren moralischen Status. Die Idee eines „sauberen“ Körpers, einer abgeschlossenen Identität, einer eindeutigen biologischen Ordnung erscheint als kulturelle Fiktion, als Ausdruck eines Reinheitsideals, das sich gegen das eigentlich Lebendige richtet. Der Holobiont ist unrein — und genau darin lebendig. Er ist ein Ort des Austauschs, der Kontamination, der Durchlässigkeit. Alles, was ihn konstituiert, kommt von außen und geht wieder in anderes Leben über. Nichts bleibt vollständig bei sich selbst.
Wenn der Mensch als Holobiont verstanden wird, verändert sich auch die Bedeutung von Autonomie. Autonom ist dann nicht, wer unabhängig ist, sondern wer innerhalb dieses Geflechts von Abhängigkeiten handlungsfähig bleibt. Verantwortung wird relational. Sie bezieht sich nicht mehr nur auf das eigene Selbst, sondern auf die Netzwerke, aus denen dieses Selbst hervorgeht: auf ökologische Zusammenhänge, soziale Beziehungen, kulturelle Formen und technische Infrastrukturen. Der Holobiont ist nicht der Ort isolierter Subjektivität, sondern der Ort, an dem Welt sich in einem Körper faltet.
Der Kompost liefert hierfür den Resonanzraum. So wie dort organische Reste, Mikroorganismen, Hitze und Feuchtigkeit ineinandergreifen und neue Lebensbedingungen hervorbringen, so gleichen auch unsere Körper solchen dynamischen Stoffwechselprozessen. Sie sind nicht stabil, sondern provisorisch. Nicht in sich abgeschlossen, sondern immer in Auswechslung begriffen. Der Holobiont ist die biologische Form des Dividuums: keine Zerstreuung, sondern eine komplexe, fragile, aber produktive Vielheit.
Der Mensch erscheint in dieser Perspektive nicht kleiner oder bedeutungsloser. Er verliert nicht seine Würde. Vielmehr verschiebt sich der Ort seiner Würde. Sie liegt nicht in der Behauptung einer unteilbaren Essenz, sondern in der Fähigkeit, sich als Teil eines größeren Stoffkreislaufs zu begreifen — und dennoch Haltung, Entscheidung und Empathie auszubilden. Der Holobiont ist kein Bruch mit dem Humanen, sondern seine Erweiterung: ein Mensch, der weiß, dass er nicht allein ist, nicht in sich, und nicht in der Welt.