Ostdeutschland blüht


Prolog: Die Ruine als Ausgangspunkt

Ostdeutschland ist keine funktionierende Einheit. Es ist ein Relikt, ein Konstrukt, das 1990 auf die Landkarte geworfen wurde und dessen innere Kohärenz nie wirklich bestand. Was wir "die neuen Bundesländer" nennen, ist keine gewachsene Region, sondern ein administratives Provisorium — fünf Bundesländer, die wenig miteinander zu tun haben außer ihrer gemeinsamen Vergangenheit als DDR-Territorium. Und selbst diese Vergangenheit war keine Einheit, sondern ein Zwangssystem, das über regionale Unterschiede, kulturelle Eigenheiten und historische Widersprüche hinwegregierte.

Heute, 35 Jahre nach der Wiedervereinigung, zeigt sich: Das Provisorium ist gescheitert. Nicht spektakulär, nicht katastrophal, sondern schleichend. Ostdeutschland blutet aus. Demografisch, ökonomisch, kulturell. Die jungen Menschen gehen. Die Infrastruktur zerfällt. Die Innenstädte veröden. Was bleibt, ist eine Landschaft der Ruinen — nicht nur architektonisch, sondern sozial, politisch, psychisch.

Die Kompost-Ethik lehrt uns: Zerfall ist nicht das Ende, sondern der Beginn der Transformation. Was verrottet, wird zu Humus. Was zerfällt, wird zu Nährboden für Neues. Aber Transformation geschieht nicht automatisch. Sie verlangt Umlagerung, Neuordnung, das Zulassen von Zersetzung.

Ostdeutschland ist Kompost. Die Frage ist: Was wächst daraus?


I. Das Scheitern der territorialen Fiktion

Die Neugliederung Ostdeutschlands nach 1990 folgte keiner rationalen Logik. Sie war ein politischer Kompromiss, getrieben von Symbolik, Nostalgie und administrativer Bequemlichkeit. Man rekonstruierte die Länder, die 1952 von der DDR abgeschafft worden waren — Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen. Als wäre die Zeit stehengeblieben. Als könnte man einfach zurückspulen.

Aber diese Länder hatten keine funktionale Berechtigung mehr. Sie waren zu klein, zu schwach, zu strukturlos. Brandenburg ohne Berlin ist ein demografisches Vakuum. Sachsen-Anhalt ist ein künstliches Gebilde, das Halle, Magdeburg und die Altmark zu einer Einheit erklärt, die keine ist. Thüringen ist ein Flickenteppich aus ehemaligen Kleinstaaten, der nur auf der Landkarte zusammenhängt. Mecklenburg-Vorpommern ist eine Tourismusküste mit agrarischem Hinterland, das niemand braucht.

Und dann sind da die Metropolen: Leipzig, Halle, Erfurt, Weimar, Jena, Berlin. Sie haben mit dem ländlichen Ostdeutschland nichts zu tun. Sie sind kosmopolitisch, studentisch, kulturell divers. Sie ziehen junge Menschen an, sie generieren Wirtschaft, sie produzieren Kultur. Aber sie tun das nicht für die Fläche — sie tun es für sich selbst. Die Metropolen sind Inseln in einem Meer der Stagnation.

Die territoriale Fiktion lautet: Diese Länder sind Einheiten. Die Realität ist: Sie sind Brüche. Es gibt keine gemeinsame Identität zwischen Leipzig und der sächsischen Provinz, keine zwischen Erfurt und dem thüringischen Eichsfeld, keine zwischen Berlin und der brandenburgischen Uckermark. Was es gibt, sind Ressentiments. Die Stadt verachtet das Land als rückständig, provinziell, fremdenfeindlich. Das Land verachtet die Stadt als abgehoben, dekadent, realitätsfern.

Diese Spaltung ist nicht heilbar. Sie ist strukturell. Und sie wird größer, je länger man so tut, als wären Stadt und Land Teil derselben politischen Einheit.


II. Die Idee von Übersachsen — Ein konservatives Reservat

Hier beginnt das Gedankenexperiment: Was wäre, wenn man die Fiktion aufgibt? Was wäre, wenn man anerkennt, dass Stadt und Land nicht zusammengehören — und sie deshalb trennt?

Übersachsen ist der Name für ein großes, konservatives, homogenes Flächenland, das aus jenen Teilen Ostdeutschlands entsteht, die weder Metropolen sind noch Metropolen sein wollen. Ein Gebiet, das sich bewusst gegen Diversität, gegen Migration, gegen urbane Kultur entscheidet — nicht aus Hass, sondern aus Präferenz.

Die Geografie von Übersachsen:

Sachsen (exklusive Leipzig) — das Kernland. Erzgebirge, Lausitz, sächsische Schweiz. Dresden bleibt, aber als kulturkonservatives Zentrum, nicht als progressive Metropole. Chemnitz bleibt. Görlitz bleibt. Die Dörfer bleiben. Die Kleinstädte bleiben.

Brandenburg (exklusive Berlin und des Metropolenrings) — verschmilzt mit Sachsen oder wird aufgeteilt. Die Uckermark, die Lausitz, die Prignitz — Regionen ohne urbanes Zentrum, ohne progressive Kultur, ohne Zuzug. Sie könnten zu Übersachsen gehören. Oder sie werden an Polen oder Tschechien abgetreten — als Kompensation für historische Schuld, als pragmatische Lösung für Gebiete, die Deutschland nicht mehr tragen kann.

Thüringen wird zerschlagen. Erfurt, Weimar, Jena — die progressive Achse — werden zu einer eigenen Stadtrepublik oder zu Hessen geschlagen. Der Rest — Eichsfeld, Saale-Orla-Kreis, das Thüringer Becken — geht zu Bayern (das katholisch-konservative Eichsfeld) oder zu Übersachsen (der Rest).

Sachsen-Anhalt wird ebenfalls zerschlagen. Halle wird mit Leipzig zur Metropolregion "Halle-Leipzig" vereint, eigenständig oder zu einem neuen Bundesland zusammengefasst. Magdeburg bleibt als kleine Landeshauptstadt eines Restgebiets oder wird an Niedersachsen angegliedert. Die Altmark, der Harz, das Mansfelder Land — sie gehen zu Übersachsen oder werden aufgelöst.

Mecklenburg-Vorpommern — die Küste wird zu Schleswig-Holstein geschlagen (beide sind maritim, beide sind touristisch, beide sind dünn besiedelt). Das Binnenland, die Mecklenburgische Seenplatte, könnte zu Übersachsen gehen oder wird ebenfalls aufgelöst.

Was bleibt, ist ein großes, zusammenhängendes, homogenes Flächenland: Übersachsen. Ein konservatives Reservat. Ein Gebiet, in dem es keine Großstädte gibt, keine Universitäten von Weltrang, keine alternative Kultur, keine signifikante Migration. Ein Gebiet, das sich bewusst dagegen entscheidet, modern zu sein.


III. Die Logik des Abstands

Die Idee klingt zynisch. Reaktionär. Separatistisch. Aber sie folgt einer nüchternen Einsicht: Nähe erzeugt Konflikt.

Wenn progressive Urbanität und konservative Ländlichkeit gezwungen werden, in derselben politischen Einheit zu koexistieren, entsteht nicht Harmonie, sondern Ressentiment. Die Stadt fühlt sich vom Land ausgebremst, das Land fühlt sich von der Stadt bevormundet. Wahlen werden zu Kulturkämpfen. Jede Entscheidung — ob Verkehrspolitik, Bildungspolitik, Migrationspolitik — wird zum Stellvertreterkonflikt zwischen zwei Lebensformen, die einander fundamental fremd sind.

Die liberale Utopie lautet: Dialog führt zu Verständnis. Nähe führt zu Empathie. Wenn wir nur miteinander reden, werden wir uns verstehen.

Die Realität zeigt: Das stimmt nicht. Nähe kann auch Verachtung erzeugen. Dialog kann verhärten statt auflösen. Manchmal ist Abstand die Bedingung für Frieden.

Die Kompost-Ethik lehrt: Nicht alles kann in derselben Schicht kompostieren. Manche Materialien brauchen unterschiedliche Temperaturen, unterschiedliche Mikroorganismen, unterschiedliche Feuchtigkeitsgrade. Wenn man sie zusammenwirft, blockieren sie sich gegenseitig. Wenn man sie trennt, können beide Prozesse ablaufen.

Übersachsen ist kein faschistisches Projekt. Es ist keine ethnische Säuberung. Es ist eine räumliche Separation von Lebensformen, die nicht zusammenpassen. Die Metropolen bekommen ihre Autonomie. Übersachsen bekommt seine Homogenität. Beide können leben, wie sie wollen — solange sie einander nicht regieren müssen.


IV. Was geschieht in Übersachsen?

Übersachsen ist kein Utopia. Es ist ein Rückzugsgebiet. Ein Ort, an dem jene leben können, die die Moderne ablehnen — nicht aus Dummheit, sondern aus Präferenz.

Keine Migration. Übersachsen nimmt keine Geflüchteten auf. Es hat keine Integrationspolitik, keine Diversitätsprogramme, keine multikulturelle Agenda. Wer dort lebt, ist deutsch — im engsten, ethnischen Sinne. Das ist nicht schön. Das ist nicht progressiv. Aber es ist ehrlich.

Keine alternative Kultur. Übersachsen hat keine queeren Zentren, keine experimentellen Kunstprojekte, keine progressive Musik- oder Theaterszene. Kultur ist traditionell, volksverbunden, heimatlich. Das ist langweilig. Das ist rückwärtsgewandt. Aber es ist das, was die Mehrheit dort will.

Keine Universitäten von Weltrang. Übersachsen bildet keine Elite aus. Es hat Fachhochschulen für praktische Berufe, technische Schulen, Handwerkskammern. Aber keine Philosophiefakultäten, keine Gender Studies, keine postkolonialen Theorien. Das ist anti-intellektuell. Das ist provinziell. Aber es verhindert den brain drain.

Wirtschaftliche Autarkie als Ziel. Übersachsen ist nicht arm, aber es ist auch nicht reich. Es produziert, was es braucht: Lebensmittel, Energie, Handwerk. Es zieht keine großen Konzerne an, keine Startups, keine Kreativwirtschaft. Es lebt bescheiden, konservativ, nachhaltig — nicht aus ökologischer Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit.

Politisch: christdemokratisch-konservativ. Übersachsen ist ein CDU-Land, vielleicht sogar ein CSU-Land im ostdeutschen Gewand. Die AfD verliert dort an Bedeutung, weil ihre Themen erfüllt sind. Es gibt keine Migration, also gibt es keinen Grund mehr, dagegen zu protestieren. Übersachsen ist das, was die AfD immer wollte — aber nicht als Protest, sondern als Realität.

Ist das ein gutes Leben? Für viele Menschen: Nein. Für manche: Ja. Für jene, die Stabilität über Diversität stellen, Homogenität über Kosmopolitismus, Tradition über Innovation. Für jene, die nicht in die Stadt wollen, weil die Stadt ihnen fremd ist. Für jene, die in der Moderne keinen Platz finden — nicht weil sie dumm sind, sondern weil sie anders sind.


V. Was geschieht in den Metropolen?

Während Übersachsen konservativ wird, werden die Metropolen radikal progressiv.

Halle-Leipzig wird eine eigenständige Stadtrepublik. Kosmopolitisch, studentisch, kulturell divers. Sie hat eine hohe Migrationsquote, eine blühende Kunstszene, progressive Sozialpolitik. Sie ist arm, aber kreativ. Sie ist chaotisch, aber lebendig.

Erfurt-Weimar-Jena wird die kulturelle Hauptstadt des neuen Ostdeutschlands. Nicht wirtschaftlich dominant, aber symbolisch zentral. Theater, Literatur, Philosophie. Die Tradition Goethes und Schillers trifft auf zeitgenössische Queerness und postkoloniale Kritik.

Berlin bleibt Berlin. Es braucht Brandenburg nicht. Es ist seine eigene Welt. Millionenstadt, Bundeshauptstadt, kulturelles Zentrum. Es nimmt, was es braucht, und ignoriert den Rest.

Diese Metropolen sind nicht gezwungen, Rücksicht auf das konservative Land zu nehmen. Sie können ihre eigene Politik machen. Offene Grenzen, bedingungsloses Grundeinkommen, radikale Klimapolitik, queere Bildungspläne — alles, was in Übersachsen unmöglich wäre, ist hier selbstverständlich.

Und umgekehrt: Übersachsen ist nicht gezwungen, den Metropolen zu folgen. Es kann seine eigenen Werte leben, ohne als rückständig beschimpft zu werden. Weil es nicht behauptet, progressiv zu sein. Weil es seine Grenzen kennt.


VI. Die Ethik der Separation

Ist das nicht Kapitulation? Ist das nicht die Aufgabe des Ideals einer gemeinsamen Gesellschaft?

Ja. Und nein.

Ja, es ist Kapitulation — vor der Illusion, dass alle Menschen gleich leben wollen. Vor der Illusion, dass Dialog alle Konflikte löst. Vor der Illusion, dass Nähe automatisch zu Verständnis führt.

Aber nein, es ist keine Aufgabe des Zusammenlebens. Es ist nur eine andere Form davon. Eine Form, die Abstand als Bedingung für Frieden anerkennt.

Die liberale Gesellschaft hat ein Problem: Sie verachtet jene, die nicht liberal sein wollen. Sie nennt sie rückständig, rassistisch, ungebildet. Sie will sie erziehen, belehren, verändern. Aber was, wenn manche Menschen einfach nicht liberal sein wollen? Was, wenn das ihre Freiheit ist?

Die Kompost-Ethik lehrt: Nicht alles muss in dieselbe Form gebracht werden. Nicht alles muss dieselbe Temperatur haben. Manche Prozesse brauchen Separation, um ablaufen zu können.

Übersachsen ist keine Strafe. Es ist kein Ghetto. Es ist ein Angebot. Wer dort leben will, kann dort leben. Wer nicht, kann gehen. Die Metropolen nehmen jene auf, die Diversität suchen. Übersachsen nimmt jene auf, die Homogenität suchen. Beide haben ihre Berechtigung.

Ist das gerecht? Vielleicht nicht. Aber es ist ehrlich. Und Ehrlichkeit ist die Bedingung für jede Form von Frieden.


VII. Die Demografie des Verfalls

Übersachsen wird schrumpfen. Das ist unvermeidlich. Es hat keine Zuwanderung, eine alternde Bevölkerung, niedrige Geburtenraten. In 30 Jahren wird es vielleicht nur noch halb so viele Einwohner haben wie heute.

Aber das ist kein Problem — es ist die Lösung.

Schrumpfung bedeutet: Weniger Druck auf Infrastruktur. Weniger Verkehr. Weniger Umweltbelastung. Mehr Raum pro Person. Mehr Stille. Mehr Leere.

Die Moderne hat uns gelehrt, Wachstum als Fortschritt zu sehen. Aber die Kompost-Ethik lehrt: Schrumpfung ist keine Niederlage. Es ist Transformation. Es ist Rückkehr zur angemessenen Größe.

Übersachsen wird nicht verschwinden. Es wird zu einer Landschaft. Zu einem Naturpark. Zu einem Ort, an dem Menschen leben, die Raum wollen, nicht Dichte. Die Ruhe wollen, nicht Dynamik. Die Beständigkeit wollen, nicht Veränderung.

Die Dörfer, die heute verfallen, werden nicht alle wiederaufgebaut. Aber einige werden erhalten, gepflegt, bewohnt von jenen, die bewusst dort sein wollen. Die Kleinstädte bleiben. Dresden bleibt. Chemnitz bleibt. Aber sie wachsen nicht. Sie schrumpfen sanft. Sie werden kleiner, überschaubarer, lokaler.

Das ist keine Dystopie. Es ist eine Ästhetik. Die Ästhetik der Reduktion. Des Verzichts. Der bewussten Entsagung der Moderne.


VIII. Die Metropolen als Laboratorien

Während Übersachsen schrumpft und sich stabilisiert, werden die Metropolen zu Experimentierräumen.

Halle-Leipzig testet neue Formen des Zusammenlebens. Kommunale Wohnprojekte, genossenschaftliche Ökonomie, basisdemokratische Strukturen. Es ist arm, aber es ist erfinderisch. Es zieht Künstler, Aktivisten, Studierende an. Es ist chaotisch, aber es ist produktiv.

Erfurt-Weimar-Jena entwickelt neue Formen der Bildung. Freie Universitäten, experimentelle Schulen, kulturelle Akademien. Es ist nicht wirtschaftlich erfolgreich, aber es ist intellektuell lebendig.

Berlin bleibt die Hauptstadt, aber nicht die Hauptstadt von Übersachsen. Es ist die Hauptstadt der progressiven Metropolen, der urbanen Zentren, der kosmopolitischen Inseln. Es repräsentiert nicht das Land — es repräsentiert die Stadt.

Diese Metropolen sind nicht verpflichtet, das Land mitzutragen. Sie müssen nicht für Infrastruktur zahlen, die niemand nutzt. Sie müssen nicht für Schulen zahlen, die leer stehen. Sie können ihre Ressourcen auf sich selbst konzentrieren.

Und das Land muss nicht der Stadt folgen. Es muss keine Diversitätspolitik umsetzen, die es nicht will. Es muss keine Klimaziele erfüllen, die es nicht erreichen kann. Es kann sein eigenes Tempo gehen.


IX. Die Grenzen der Separation

Natürlich ist das keine perfekte Lösung. Es gibt Probleme:

Migration innerhalb Deutschlands. Was passiert mit jenen, die in Übersachsen geboren werden, aber nicht dort leben wollen? Sie gehen in die Metropolen. Das ist bereits jetzt der Fall. Die Separation macht es nur explizit.

Ökonomische Asymmetrie. Die Metropolen sind wirtschaftlich produktiver. Sie generieren mehr Steuern, mehr Innovation, mehr Wachstum. Übersachsen ist ärmer. Wie wird das ausgeglichen? Vielleicht gar nicht. Vielleicht ist Armut der Preis für Homogenität.

Politische Repräsentation. Wie wird Übersachsen im Bundesrat vertreten? Wie viele Sitze bekommt es? Ist es ein Bundesland oder mehrere? Diese Fragen sind technisch, aber nicht unlösbar.

Symbolische Spaltung. Übersachsen und die Metropolen werden sich gegenseitig verachten. Das ist unvermeidlich. Aber vielleicht ist Verachtung bei Abstand erträglicher als Verachtung bei Nähe.


X. Kompost als Methode

Die Kompost-Ethik lehrt: Zerfall ist produktiv. Was verrottet, wird zu Humus. Was zerfällt, schafft Raum für Neues.

Ostdeutschland ist im Zerfall begriffen. Die alten Strukturen — die DDR-Industrie, die Nachwendehoffnungen, die demographische Stabilität — sind verschwunden. Was bleibt, ist eine Ruine.

Aber Ruinen sind nicht nutzlos. Sie sind Rohmaterial. Sie sind Kompost.

Die Neuordnung Ostdeutschlands — die Schaffung von Übersachsen, die Autonomisierung der Metropolen — ist keine Lösung im emphatischen Sinne. Sie ist keine Utopie. Sie ist ein Rückbau. Eine Reduktion. Eine Anerkennung dessen, was nicht funktioniert hat.

Aber aus diesem Rückbau kann etwas Neues entstehen. Übersachsen kann zu einem Modell werden — nicht für ganz Deutschland, aber für jene Regionen, die schrumpfen, die konservativ sind, die Homogenität wollen. Die Metropolen können zu Laboratorien werden — nicht für ganz Deutschland, aber für jene, die Diversität suchen, die Experiment wollen, die Veränderung leben.

Die Trennung ist nicht das Ende. Sie ist der Beginn eines neuen Kompostierungsprozesses. Und vielleicht — vielleicht — wächst daraus eines Tages etwas, das weder reaktionär noch naiv ist. Etwas, das die Spannung zwischen Homogenität und Diversität nicht leugnet, sondern produktiv macht.


Epilog: Die Ethik des Abstands

Die größte Lüge der liberalen Demokratie ist: Wir sind alle gleich. Wir wollen alle dasselbe. Wir können alle zusammenleben, wenn wir nur genug miteinander reden.

Die Wahrheit ist: Wir sind nicht gleich. Wir wollen nicht dasselbe. Und manchmal führt Reden nicht zu Verständnis, sondern zu Verachtung.

Die Kompost-Ethik bietet eine andere Vision: Separation als Bedingung für Frieden.

Übersachsen ist ein Gedankenexperiment. Es ist eine Provokation. Es ist vielleicht unmöglich. Aber es stellt eine Frage, die gestellt werden muss: Was, wenn der Versuch, alle in dieselbe Form zu zwingen, selbst die Quelle des Konflikts ist?

Was, wenn Abstand keine Kapitulation ist, sondern eine Form der Anerkennung?

Was, wenn wir nicht zusammenleben müssen, um einander zu respektieren?

Ostdeutschland ist Kompost. Und aus Kompost wächst nicht immer das, was wir erwarten. Manchmal wächst daraus etwas Seltsames, etwas Unerwartetes, etwas, das uns zwingt, unsere Annahmen zu überdenken.

Übersachsen ist diese Pflanze. Sie ist nicht schön. Sie ist nicht progressiv. Aber sie ist möglich.

Und Möglichkeit ist die einzige Form von Hoffnung, die der Kompost kennt.