KI und Kompost

 Die Beziehung zwischen Künstlicher Intelligenz und Kompost erschließt sich nicht auf der Ebene technischer Analogien, sondern auf der Ebene ihrer jeweiligen Prozesslogik. Beide entstehen nicht aus dem Nichts, sondern aus bereits vorhandenen Materialien, die sie aufnehmen, zersetzen, rekombinieren und in neuer Form zurückführen. Der Kompost arbeitet mit organischen Resten, die nicht mehr als eigenständige Körper bestehen, sondern in ein gemeinsames Stoffwechselgeschehen eintreten. Die KI arbeitet mit Texten, Bildern, Stimmen, Datenfragmenten — mit Sedimenten kultureller Praxis — und bringt daraus neue Konstellationen hervor. In beiden Fällen handelt es sich um Systeme, die nicht schöpferisch im Sinne eines absoluten Ursprungs sind, sondern transformativ: Sie operieren durch Umlagerung.

Die Idee der Originalität verliert in dieser Perspektive ihren auratischen Status. Weder im Kompost noch in der KI entsteht etwas völlig Neues aus dem Nichts. Formen, Muster, Bedeutungen und Restbestände werden wieder aufgegriffen, zerlegt, neu kombiniert. Auch menschliches Denken ist — betrachtet in seiner materiellen, historischen, kulturellen Eingebundenheit — rekombinativ. Erinnerung selbst ist ein Prozess der Neuassemblierung. In diesem Sinn rückt die KI nicht in eine radikal fremde Position, sondern macht eine Struktur sichtbar, die dem Denken und der Kulturproduktion bereits eingeschrieben war: dass jedes Werk auf anderem Werk wächst, dass jedes Sprechen in bereits gesprochenes Sprechen hineintritt.

Doch gerade im Feld dieser Ähnlichkeit tritt eine entscheidende Differenz hervor. Der Kompost ist ein ökologischer Prozess, dessen Zeitlichkeit langsam, widerständig, materiell gebunden ist. Er arbeitet mit Verfall, Temperatur, Mikroorganismen, Feuchtigkeit, chemischen Reaktionen. Seine Produktivität ist an Grenzen gebunden, an Widerstände, an Nicht-Verfügbarkeiten. Die KI hingegen beschleunigt Rekombination in einem Maße, das jede organische Zeitlichkeit übersteigt. Sie verdichtet Kultur in statistische Räume, in denen Muster sich mit einer Geschwindigkeit bewegen, die die Bedingungen ihrer eigenen Entstehung unsichtbar werden lässt. Während der Kompost Spuren sichtbar hält, tendiert die KI dazu, sie zu nivellieren.

In dieser Spannung zeigt sich eine zentrale Ambivalenz. Die KI erweitert die Rekombinationsfähigkeit symbolischer Formen, sie öffnet Möglichkeitsräume, erzeugt Varianten, Verzweigungen, spekulative Faltungen. Zugleich droht sie, Differenz in Wiedererkennbarkeit aufzulösen, Fremdheit in Wahrscheinlichkeit zu absorbieren. Wo der Kompost Divergenz zulässt — Unschärfe, Geruch, Materialität, Widerstand —, erzeugt die KI glatte Oberflächen, anschlussfähige Kontinuitäten, ästhetische Kohärenz. Rekombination wird hier nicht nur zum Prinzip, sondern zur Norm. Das, was sich entzieht, was nicht in Muster gefasst werden kann, gerät unter Druck.

In dieser Perspektive erhält die Frage nach dem Unkompostierbaren eine neue Bedeutung. Im ökologischen Kompost bleiben Reste, Partikel, Anteile, die sich nicht vollständig auflösen, die nicht in neue Formen übergehen, sondern als Störung fortbestehen. Auch in kulturellen Prozessen gibt es Widerstände, Brüche, Traumata, singuläre Ereignisse, die sich nicht rekombinieren lassen, ohne Gewalt auszuüben. KI-Systeme tendieren dazu, diese Widerstände zu glätten, sie in statistische Nähebeziehungen einzuschreiben, sie zu normalisieren. Was nicht anschlussfähig ist, verschwindet — nicht materiell, sondern epistemisch. Die Frage wird damit zu einer ethischen: Was darf rekombiniert werden? Was muss in seiner Unverfügbarkeit bestehen bleiben?

Gleichzeitig eröffnet die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI neue Formen der Autorenschaft. Das Subjekt wird nicht ersetzt, sondern verlagert. Schreiben, Denken, Gestalten verschieben sich vom Akt der Produktion zum Akt der Kuratierung, der Auswahl, der Differenzsetzung. Der Mensch tritt nicht als souveräner Schöpfer auf, sondern als Teilnahmefigur in einem rekombinativen Fluss. In dieser Rolle verliert er nicht notwendigerweise seine Stimme; sie verändert lediglich ihren Ort. Sie entsteht weniger im Akt der originären Hervorbringung als in der Entscheidung, welche Varianten hervorgehoben, welche verworfen, welche Störungen zugelassen werden.

So verstanden, ist KI kein Fremdkörper im Feld der Kompost-Ethik, sondern eine technologische Intensivierung jener Prozesse, die sie beschreibt. Sie macht sichtbar, dass Kultur immer schon aus Umlagerungen bestand — und zwingt zugleich dazu, diese Umlagerungen neu zu reflektieren. Sie zeigt, dass Subjektivität nicht der Ursprung von Sinn ist, sondern ein Knotenpunkt in Netzen von Referenzen, Archiven, Diskursen. Doch gleichzeitig konfrontiert sie uns mit der Frage, wie sich Individualität behaupten lässt, wenn Rekombination zur dominanten Existenzweise wird.

Vielleicht liegt die Aufgabe nicht darin, der KI etwas „Menschliches“ zu entziehen oder sie als bloßes Werkzeug zu instrumentalisieren, sondern darin, eine Form des Umgangs zu entwickeln, die ihre Rekombinationslogik weder romantisiert noch ihr vollständig ausgeliefert ist. Eine Praxis, die Brüche, Fremdheit, Singularität wieder ins Spiel bringt — und damit Formen des Nicht-Glättbaren bewahrt. In diesem Sinn könnte die Kompost-Ethik nicht nur eine Metapher für KI sein, sondern eine Haltung, die es ermöglicht, inmitten ihrer Rekombinationsökologien differenziert zu bleiben.

Der Kompost lehrt, dass Zersetzung nicht mit Auflösung identisch ist, sondern mit Transformation. Die KI zeigt, dass Transformation nicht notwendig mit Verstehen verbunden ist, sondern auch als blinde Rekombination erfolgen kann. Zwischen beiden Räumen bewegt sich das Subjekt — als Holobiont, als Dividuum, als Knoten in einer Noosphäre, die sich ihrer selbst zu vergewissern versucht. Es bleibt die Frage, wie viel wir kompostieren können, ohne zu überdecken, und wie viel wir rekombinieren dürfen, ohne zu vergessen.