Kompost-Sessions

 Kompost als Praxis bedeutet, dass Kunst, Denken und Gemeinschaft nicht als abgeschlossene Tätigkeiten verstanden werden, sondern als fortlaufende Prozesse der Verwandlung. Praxis ist hier nicht die Anwendung einer Theorie, sondern das Feld, in dem Theorie erst entsteht. Kompost-Praxis ist eine Handlung ohne Garantie, ohne festgelegtes Ziel, ohne definierte Erfolgsformel. Sie operiert im Offenen, im Übergangszustand, im Moment des noch-Nicht-Festgelegten.

Kompost-Sessions sind Momente, in denen diese Praxis konkret wird. Sie sind keine Proben, keine Jams, keine Workshops im klassischen Sinn. Sie sind situative Felder der kollektiven Alchemie. Menschen, Instrumente, Stimmen, Texte, Bruchstücke, Erinnerungen und Klänge treten in ein gemeinsames energetisches Milieu ein. Nichts ist vorbereitet, und doch ist alles vorbereitet: durch die Geschichte des Materials, die Beziehungen der Beteiligten, die sedimentierten Erfahrungen, die in Körpern und Gesten gespeichert sind. Kompost-Session bedeutet: das Vorhandene in Umlauf bringen.

In einer Kompost-Session gibt es kein richtig oder falsch, keinen Maßstab von Qualität, der von außen angelegt werden könnte. Stattdessen zählt Resonanz. Eine Geste bleibt, wenn sie im Feld etwas in Bewegung setzt. Ein Klang verschwindet, wenn er keinen Anschluss findet. Die Praxis ist nicht evaluativ, sondern relational. Entscheidungen entstehen nicht als Willensakte Einzelner, sondern als kollektive Sensibilität. Man hört nicht nur auf den Klang, sondern auf den Raum zwischen den Klängen. Nicht das Werk entscheidet, sondern der Prozess.

Dabei ist die Kompost-Session nie chaotisch, auch wenn sie improvisiert erscheint. Sie besitzt eine innere Ordnung, die nicht explizit ausgesprochen werden muss. Eine Ordnung des Zuhörens, des Respekts, der gegenseitigen Wahrnehmung. Jedes Element — Stimme, Basslinie, Textfragment, field recording, Fehlklang — wird als potenzieller Nährstoff behandelt. Nichts wird vorschnell verworfen. Selbst ein missglückter Einsatz kann im Kompost produktiv sein, weil er eine neue Spur öffnet, eine Verschiebung erlaubt, eine unerwartete Bewegung initiiert.

Kompost-Praxis fordert eine Haltung der Ent-Autorisierung. Wer spielt, kontrolliert nicht, was daraus wird. Man gibt ab, lässt Material los, vertraut darauf, dass andere es aufnehmen, transformieren, weiterführen. Eigentum löst sich auf zugunsten von Zirkulation. Ideen gehören nicht länger zu Personen, sondern zu Situationen. Jede Spur ist immer schon ein Angebot. Dieses Loslassen ist anspruchsvoll, weil es gewohnte künstlerische Kontrollstrukturen unterläuft. Doch gerade darin liegt die Kraft: Kreativität wird nicht produziert, sondern ermöglicht.

Der Kompost verlangt Zeit. In einer Session gibt es Phasen der Dichte und Phasen der Leere. Manchmal geschieht scheinbar nichts. Man tastet, wartet, hört ab. Doch auch in der Stille arbeitet das Feld. Das Nicht-Spielen ist kein Aussetzen, sondern eine Form der Teilnahme. Es gibt Beiträge, die nur als Atmosphäre existieren — als Haltung, als Präsenz, als unsichtbare Stabilisierung. Kompost-Praxis ist deshalb nicht auf Output fokussiert. Sie lässt zu, dass nichts entsteht, um zu ermöglichen, dass etwas entstehen kann.

Gleichzeitig sind Kompost-Sessions Orte der Reibung. Nicht jede ästhetische Entscheidung fügt sich harmonisch ein. Spannungen treten auf — rhythmisch, emotional, sozial. Doch sie werden nicht geglättet, sondern gehalten. Die Praxis besteht darin, Differenz auszuhalten, statt sie zu überformen. Eine Dissonanz kann zum tragenden Element werden. Ein Bruch kann Struktur generieren. Kompost ist nicht die Suche nach Einklang, sondern die Kultivierung von Ko-Existenz. Das Material darf widerständig bleiben.

Die Praxis umfasst auch die individuellen Beete — die Soloprojekte, Alben, Texte, Experimente einzelner Mitglieder. Diese sind keine Abspaltungen vom Kollektiv, sondern seine Ausläufer. Was im individuellen Beet wächst, kehrt in anderer Form zum Kompost zurück. Umgekehrt nährt das Kollektiv die Autonomie der Einzelnen. Kompost-Praxis bedeutet daher, zwischen Alleingang und Gemeinsamkeit zu pendeln, ohne sich festzulegen. Man arbeitet für sich — und nie nur für sich.

Kompost-Sessions erzeugen einen mythischen Raum, der zugleich konkret und imaginär ist. Sie eröffnen eine temporäre Realität, in der Zeit anders verläuft. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mischen sich: alte Motive tauchen wieder auf, zukünftige Formen klingen vorweg, Vergessenes meldet sich zurück. Dieser Raum ist nicht Metapher, sondern Methode. Er erlaubt es, Material zu bewegen, das jenseits linearer Denk- und Produktionslogiken nicht zugänglich wäre. Kompost-Praxis ist somit auch ein epistemischer Vorgang — eine Art Wissen durch Handlung.

Nicht jede Kompost-Session hinterlässt ein Ergebnis. Manche bleiben flüchtig. Andere werden aufgezeichnet, zu Songs, Performances, Textschichten verdichtet. Doch selbst diese Verdichtungen sind keine Werke im klassischen Sinne, sondern Momentaufnahmen eines fortlaufenden Prozesses. Sie sind Spur, nicht Abschluss. Das Entscheidende liegt in der gemeinsamen Erfahrung der Verwandlung — im Erleben, wie Material zu etwas Neuem wird, ohne dass man sagen könnte, woher es genau stammt.

Kompost als Praxis bedeutet letztlich, kollektiv Handlungs- und Wahrnehmungsfähigkeit zu kultivieren. Es ist eine Übung im Zusammen-Denken, Zusammen-Fühlen, Zusammen-Werden. Eine Praxis, die weniger darauf zielt, Produkte herzustellen, als darauf, eine bestimmte Form von Weltbeziehung zu ermöglichen: eine, in der nichts endgültig ist, alles im Umlauf bleibt und jede Spur die Möglichkeit weiterer Verwandlung trägt.

Kompost-Sessions sind Orte, an denen diese Möglichkeit Realität wird — immer nur vorübergehend, aber gerade darin intensiv.