Alles über Kompost

I. Einleitung: Kompostierung als ökologischer Grundprozess

Kompostierung ist die aerobe biologische Zersetzung organischer Materialien durch Mikroorganismen unter kontrollierten Bedingungen. Der Prozess wandelt organische Abfälle in einen stabilen, humusartigen Stoff um, der als Bodenverbesserer und Nährstoffquelle in der Landwirtschaft und im Gartenbau verwendet wird. Als natürlicher Recyclingprozess spielt Kompostierung eine zentrale Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf und in der Nährstoffzirkulation terrestrischer Ökosysteme.

Die wissenschaftliche Untersuchung der Kompostierung vereint Erkenntnisse aus Mikrobiologie, Biochemie, Bodenkunde und Ökologie. Dieser Essay bietet einen Überblick über die historische Entwicklung der Kompostierungspraxis, die biochemischen und mikrobiologischen Grundlagen des Prozesses sowie moderne Anwendungen und Optimierungsstrategien.


II. Historische Entwicklung der Kompostierung

2.1 Antike und frühe Landwirtschaft

Die bewusste Nutzung von organischem Abfall zur Bodenverbesserung lässt sich bis in die Anfänge der sesshaften Landwirtschaft zurückverfolgen. Archäologische Evidenz aus Mesopotamien (ca. 3000 v. Chr.) zeigt, dass bereits sumerische Landwirte organische Abfälle zur Düngung einsetzten. Das Akkadische enthält Begriffe für verschiedene Formen organischer Dünger, was auf ein differenziertes Verständnis hinweist.

Im antiken Rom beschrieb Marcus Porcius Cato (234–149 v. Chr.) in seinem landwirtschaftlichen Handbuch "De Agri Cultura" detaillierte Methoden zur Herstellung und Verwendung von Kompost. Columella (4–70 n. Chr.) widmete in "De Re Rustica" mehrere Kapitel der optimalen Zusammensetzung und Lagerung organischer Dünger. Die römische Praxis unterschied bereits zwischen verschiedenen Komposttypen basierend auf Ausgangsmaterialien und Reifungsgrad.

2.2 Entwicklung in Asien

Besonders fortgeschritten waren Kompostierungsmethoden in China und Japan. Das chinesische landwirtschaftliche Traktat "Qimin Yaoshu" (齊民要術, ca. 535 n. Chr.) von Jia Sixie beschreibt komplexe Kompostierungstechniken, einschließlich der Schichtung verschiedener Materialien, der Kontrolle von Feuchtigkeit und Belüftung sowie der zeitlichen Steuerung des Prozesses. Diese Methoden wurden über Jahrhunderte verfeinert und bildeten die Grundlage für die intensive chinesische Landwirtschaft, die ohne externe Inputs hohe Erträge erzielte.

In Japan entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert ein hochspezialisiertes System des organischen Recyclings. Menschliche Exkremente ("Gülden Dünger" oder "Night soil"), Küchenabfälle und Pflanzenreste wurden systematisch gesammelt, kompostiert und auf Reisfeldern ausgebracht. Diese Praxis ermöglichte eine nachhaltige Landwirtschaft auf begrenzter Fläche über viele Generationen hinweg.

2.3 Moderne wissenschaftliche Kompostforschung

Die wissenschaftliche Erforschung der Kompostierung begann im späten 19. Jahrhundert mit den Arbeiten von Louis Pasteur und Sergei Winogradsky zur mikrobiellen Aktivität im Boden. Winogradsky (1856–1953) identifizierte erstmals autotrophe Bakterien, die anorganische Substanzen oxidieren und damit Energie für ihre Stoffwechselprozesse gewinnen — ein fundamentaler Befund für das Verständnis von Nährstoffkreisläufen.

Albert Howard (1873–1947), ein britischer Agrarwissenschaftler, gilt als Vater der modernen Kompostbewegung. Seine Arbeit in Indien führte zur Entwicklung des "Indore-Prozesses" (1931), einer standardisierten Methode zur Herstellung von hochwertigem Kompost aus landwirtschaftlichen Abfällen. Howards Werk "An Agricultural Testament" (1940) popularisierte organische Landwirtschaftsmethoden und beeinflusste die Entwicklung der ökologischen Landwirtschaftsbewegung.

In den 1970er Jahren führten die Ölkrise und wachsendes Umweltbewusstsein zu verstärkter wissenschaftlicher Forschung über Kompostierung als Alternative zu synthetischen Düngemitteln. Seither hat sich die Kompostforschung zu einem interdisziplinären Feld entwickelt, das Mikrobiologie, Chemie, Verfahrenstechnik und Abfallwirtschaft umfasst.


III. Biochemische Grundlagen der Kompostierung

3.1 Abbau organischer Substanzen

Kompostierung ist ein exothermer (wärmefreisetzender) Prozess, bei dem komplexe organische Moleküle durch mikrobielle Enzyme in einfachere Verbindungen zerlegt werden. Die Hauptkomponenten organischer Abfälle sind:

Kohlenhydrate (Zellulose, Hemizellulose, Stärke) werden durch Cellulasen und Amylasen in Glucose und andere einfache Zucker gespalten, die dann über Glykolyse und Citratzyklus zu CO₂, H₂O und Energie abgebaut werden.

Proteine werden durch Proteasen in Aminosäuren zerlegt. Der Stickstoff wird über Desaminierung freigesetzt und in Form von Ammonium (NH₄⁺) oder durch Nitrifikation in Nitrat (NO₃⁻) überführt. Ein Teil des Stickstoffs wird in mikrobielle Biomasse eingebaut.

Lipide (Fette und Öle) werden durch Lipasen hydrolysiert und über β-Oxidation abgebaut. Sie sind energiereich, aber aufgrund ihrer hydrophoben Natur schwerer zugänglich als Kohlenhydrate.

Lignin, ein komplexes aromatisches Polymer in Holz und Pflanzengewebe, ist besonders widerstandsfähig gegen mikrobiellen Abbau. Nur spezialisierte Pilze (insbesondere Weißfäulepilze) können Lignin effektiv abbauen, indem sie Peroxidasen und Laccasen produzieren, die die aromatischen Ringe oxidieren.

3.2 Der Kohlenstoff-Stickstoff-Kreislauf

Das Verhältnis von Kohlenstoff zu Stickstoff (C/N-Verhältnis) ist ein kritischer Parameter für erfolgreiche Kompostierung. Mikroorganismen benötigen Kohlenstoff als Energiequelle und Stickstoff für den Aufbau von Proteinen und Nukleinsäuren. Das optimale C/N-Verhältnis für Kompostierung liegt bei etwa 25-30:1.

Materialien mit hohem C/N-Verhältnis (>50:1):

  • Stroh: ~80:1
  • Sägemehl: ~200-500:1
  • Papier: ~170:1
  • Herbstlaub: ~50-80:1

Materialien mit niedrigem C/N-Verhältnis (<25:1):

  • Rasenschnitt: ~15-20:1
  • Gemüseabfälle: ~10-20:1
  • Kaffeesatz: ~20:1
  • Geflügelmist: ~10:1

Ein zu hohes C/N-Verhältnis führt zu langsamem Abbau, da Stickstoff limitierend wirkt. Ein zu niedriges C/N-Verhältnis führt zu Stickstoffverlusten durch Ammoniakverflüchtigung und unangenehmen Gerüchen. Durch Mischung verschiedener Materialien wird ein ausgewogenes Verhältnis erreicht.

3.3 Thermodynamik des Kompostierungsprozesses

Die mikrobielle Aktivität setzt erhebliche Wärmemengen frei. Bei optimaler Kompostierung können Temperaturen von 55-70°C in der thermophilen Phase erreicht werden. Die Wärmeentwicklung folgt dem ersten Hauptsatz der Thermodynamik:

ΔH = ΔU + PΔV

wobei ΔH die Enthalpieänderung (Wärmeentwicklung), ΔU die innere Energieänderung und PΔV die Volumenarbeit darstellt.

Die freigesetzte Energie stammt aus der Oxidation organischer Verbindungen:

C₆H₁₂O₆ + 6O₂ → 6CO₂ + 6H₂O + Energie (2880 kJ/mol)

Etwa 50% der freigesetzten Energie wird in mikrobielle Biomasse eingebaut, die restlichen 50% werden als Wärme dissipiert.


IV. Mikrobiologie der Kompostierung

4.1 Sukzession mikrobieller Gemeinschaften

Kompostierung ist kein homogener Prozess, sondern verläuft in distinkten Phasen, die jeweils von unterschiedlichen mikrobiellen Gemeinschaften dominiert werden.

Phase 1: Mesophile Phase (25-45°C, 1-3 Tage)

In der initialen Phase dominieren mesophile Bakterien und Pilze, die leicht abbaubare Substanzen wie einfache Zucker, Aminosäuren und Stärke verstoffwechseln. Hauptakteure sind:

  • Pseudomonas spp.
  • Bacillus spp.
  • Aspergillus spp. (Pilze)

Die intensive mikrobielle Aktivität führt zu rapidem Temperaturanstieg.

Phase 2: Thermophile Phase (45-70°C, Tage bis Wochen)

Mit steigender Temperatur werden mesophile Organismen durch thermophile Spezies ersetzt:

  • Bacillus stearothermophilus
  • Thermus spp.
  • Thermophile Actinomyceten

Diese Phase ist kritisch für die Hygienisierung: Temperaturen über 55°C für mindestens drei aufeinanderfolgende Tage töten pathogene Bakterien (z.B. Salmonella, E. coli), Parasiteneier und viele Pflanzensamen ab.

Phase 3: Abkühlungsphase (40-25°C, Wochen)

Mit Erschöpfung leicht abbaubarer Substrate sinkt die Temperatur. Mesophile Organismen kehren zurück und bauen komplexere Verbindungen (Zellulose, Hemizellulose) ab:

  • Cellulolytische Bakterien
  • Pilze wie Trichoderma spp.

Phase 4: Reifungsphase (<25°C, Monate)

In der Reifungsphase dominieren Pilze und Actinomyceten, die resistente Verbindungen wie Lignin abbauen:

  • Weißfäulepilze (Phanerochaete chrysosporium)
  • Streptomyces spp.

Die mikrobielle Aktivität verlangsamt sich, Huminstoffe werden gebildet.

4.2 Funktionale Diversität

Neben Bakterien und Pilzen spielen makroskopische Organismen wichtige Rollen:

Regenwürmer (Eisenia fetida, Eisenia andrei):

  • Fragmentieren organisches Material mechanisch
  • Erhöhen Oberfläche für mikrobiellen Angriff
  • Produzieren nährstoffreichen Wurmkot
  • Verbessern Belüftung durch Gangsysteme

Gliederfüßer (Milben, Springschwänze, Asseln):

  • Zerkleinern Pflanzenmaterial
  • Verbreiten Mikroorganismen
  • Kontrollieren mikrobielle Populationen durch Fraß

Protozoen und Nematoden:

  • Predieren Bakterien
  • Setzen Nährstoffe durch Exkretion frei
  • Regulieren bakterielle Populationen

Die Diversität dieser Gemeinschaften ist ein Indikator für Kompostqualität. Molekulare Methoden (16S rRNA-Sequenzierung für Bakterien, ITS-Sequenzierung für Pilze) haben gezeigt, dass Kompost tausende verschiedene mikrobielle Spezies enthält, von denen viele noch nicht kultiviert wurden.


V. Physikalische und chemische Parameter

5.1 Sauerstoffverfügbarkeit

Kompostierung ist ein aerober Prozess, der kontinuierliche Sauerstoffzufuhr erfordert. Der minimale Sauerstoffgehalt sollte 5-10% betragen. Bei Sauerstoffmangel wechseln Mikroorganismen zu anaeroben Stoffwechselwegen:

Aerob: C₆H₁₂O₆ + 6O₂ → 6CO₂ + 6H₂O + Energie Anaerob: C₆H₁₂O₆ → 3CO₂ + 3CH₄ + Energie

Anaerober Abbau ist weniger effizient, produziert weniger Wärme und führt zu unerwünschten Produkten (Methan, Schwefelwasserstoff, organische Säuren), die übelriechende Gerüche verursachen.

Belüftung wird erreicht durch:

  • Mechanisches Umsetzen (erhöht Porenraum)
  • Zugabe strukturgebender Materialien (Stroh, Holzhackschnitzel)
  • Aktive Belüftung (Luftpumpen bei industrieller Kompostierung)

5.2 Feuchtigkeit

Der optimale Feuchtigkeitsgehalt liegt bei 50-60%. Bei <40% verlangsamt sich mikrobielle Aktivität drastisch; bei >65% werden Poren mit Wasser gefüllt, was Sauerstoffdiffusion behindert.

Die Wasserhaltekapazität hängt von der Textur ab:

  • Feine Materialien (Rasenschnitt): hohe Wasserhaltekapazität, geringe Porosität
  • Grobe Materialien (Holzhackschnitzel): niedrige Wasserhaltekapazität, hohe Porosität

Optimale Kompostierung erfordert Balance zwischen beiden.

5.3 pH-Wert

Der pH-Wert beeinflusst mikrobielle Aktivität und Nährstoffverfügbarkeit. In frühen Phasen sinkt der pH oft auf 5-6 durch Produktion organischer Säuren. In thermophiler Phase steigt er auf 8-9 durch Ammoniakfreisetzung. Reifer Kompost hat typischerweise einen pH von 7-8.

Extreme pH-Werte hemmen mikrobielle Aktivität. Die meisten Kompostorganismen bevorzugen pH 6-8. Einige Materialien (Kiefernnadeln, Eichenlaub) sind sauer und können durch Kalk neutralisiert werden.

5.4 Teilchengröße

Kleinere Partikel bieten größere Oberfläche für mikrobiellen Angriff, was Abbau beschleunigt. Jedoch reduziert zu feines Material Porosität und behindert Belüftung. Optimale Partikelgröße liegt bei 1-5 cm. Grobes Material kann vor Kompostierung zerkleinert werden (Häckseln, Mahlen).


VI. Humifizierung und Kompostreife

6.1 Bildung von Huminstoffen

Huminstoffe sind komplexe, heterogene organische Verbindungen, die durch mikrobielle Transformation von Pflanzenresten entstehen. Sie bestehen aus aromatischen Ringen, Alkyl-Ketten, Carboxyl- und Phenolgruppen. Huminstoffe werden in drei Fraktionen unterteilt:

Huminsäuren: löslich in alkalischen, unlöslich in sauren Lösungen Fulvosäuren: löslich in allen pH-Bereichen Humine: unlöslich in allen pH-Bereichen

Die Humifizierung erfolgt über mehrere Wege:

  • Lignin-Theorie: Modifikation von Lignin durch Pilze
  • Polyphenol-Theorie: Polymerisation oxidierter Phenole
  • Zucker-Amin-Theorie: Maillard-Reaktionen zwischen Zuckern und Aminosäuren

Moderne Forschung zeigt, dass alle drei Mechanismen beitragen. Huminstoffe sind nicht vollständig charakterisiert; ihre genaue Struktur variiert je nach Ausgangsmaterial und Bedingungen.

6.2 Indikatoren für Kompostreife

Reifer Kompost ist biologisch stabil, phytotoxinfrei und sicher für Pflanzenwachstum. Reifeindikatoren:

Temperatur: Rückkehr zu Umgebungstemperatur C/N-Verhältnis: <20:1 (oft 10-15:1) Sauerstoffverbrauchsrate: <500 mg O₂/kg organische Substanz/Stunde Keimtests: >80% Keimung in Kressesamen-Test Geruch: erdiger, angenehmer Geruch (keine Ammoniak- oder Fäulnisgerüche) Farbe: dunkelbraun bis schwarz Physikalische Struktur: krümelig, homogen

Unreifer Kompost kann phytotoxische Verbindungen (organische Säuren, Phenole, Ammoniak) enthalten, die Pflanzenwachstum hemmen.


VII. Nährstoffgehalt und Bodenverbesserung

7.1 Makronährstoffe

Kompost liefert alle essentiellen Pflanzennährstoffe, allerdings in variablen Konzentrationen:

Stickstoff (N): 0,5-2,5% Trockengewicht

  • Überwiegend in organischer Form, wird langsam mineralisiert
  • Reduziert Auswaschungsverluste im Vergleich zu synthetischen Düngemitteln

Phosphor (P₂O₅): 0,3-1,5%

  • Wird durch Huminstoffe chelatiert, bleibt pflanzenverfügbar
  • Mikrobiell gebundener Phosphor wird durch Phosphatasen freigesetzt

Kalium (K₂O): 0,5-2,0%

  • Wasserlöslich, sofort verfügbar
  • Kann bei intensiver Bewässerung ausgewaschen werden

Calcium (Ca): 1-5% Magnesium (Mg): 0,2-1%

7.2 Mikronährstoffe

Kompost enthält auch essenzielle Mikronährstoffe (Eisen, Mangan, Zink, Kupfer, Bor, Molybdän) in Spuren. Diese sind oft als Chelate an Huminstoffe gebunden, was ihre Verfügbarkeit erhöht und Toxizität reduziert.

7.3 Bodenphysikalische Verbesserung

Jenseits der Nährstoffversorgung verbessert Kompost Bodenstruktur:

Aggregatstabilität: Huminstoffe und mikrobielle Polysaccharide wirken als Bindemittel, fördern stabile Bodenaggregate Wasserhaltekapazität: Erhöhung um 10-100% je nach Boden und Kompostdosis Infiltrationsrate: Verbesserte Porenstruktur erhöht Wassereindringung Erosionsresistenz: Stabilere Aggregate reduzieren Wind- und Wassererosion Kationenaustauschkapazität (CEC): Huminstoffe haben hohe CEC (200-400 cmol/kg), erhöhen Nährstoffretention

7.4 Biologische Bodenaktivierung

Kompost führt nicht nur Nährstoffe zu, sondern inokuliert Böden mit nützlichen Mikroorganismen:

  • Mykorrhizapilze verbessern Nährstoffaufnahme
  • Stickstoff-fixierende Bakterien (Rhizobium, Azotobacter)
  • Krankheitssuppressive Organismen (Trichoderma, Bacillus subtilis)
  • Cellulose-abbauende Bakterien und Pilze

Studien zeigen, dass Böden mit regelmäßiger Kompostapplikation höhere mikrobielle Biomasse und Diversität aufweisen, was Resilienz gegen Störungen erhöht.


VIII. Moderne Kompostierungssysteme

8.1 Kleinmaßstäbliche Kompostierung (Haushalte, Gärten)

Komposthaufen: Einfachste Form, Material wird in Haufen geschichtet, gelegentlich umgesetzt Kompostbehälter: Geschlossene Behälter mit Belüftungsschlitzen, reduzieren Platzbedarb, beschleunigen Prozess Wurmkompostierung (Vermicomposting): Nutzung von Kompostwürmern in kontrollierten Behältern, produziert hochwertigen Wurmkompost

8.2 Großmaßstäbliche Kompostierung (Kommunal, Industriell)

Windrow-Kompostierung: Material wird in langen Reihen (Windrows) angeordnet, regelmäßig mit Umsetzmaschinen gewendet Tunnelkompostierung: Material in geschlossenen Tunneln, aktive Belüftung, Temperaturkontrolle In-Vessel-Systeme: Geschlossene Reaktoren, vollständige Kontrolle über Temperatur, Feuchtigkeit, Belüftung, schnellste Methode

8.3 Anaerobische Vergärung vs. Kompostierung

Bei organischen Abfällen mit hohem Feuchtigkeitsgehalt (>70%) ist anaerobe Vergärung oft effizienter:

  • Produziert Biogas (60-70% CH₄, 30-40% CO₂), nutzbar als Energiequelle
  • Hinterlässt Gärrückstand (Digestat), der nachkompostiert werden kann
  • Reduziert Klimaimpact durch Methan-Rückgewinnung (Methan ist 25x klimawirksamer als CO₂)

Viele moderne Abfallbehandlungsanlagen kombinieren anaerobe Vergärung mit anschließender Kompostierung des Digestats.


IX. Umweltaspekte und Nachhaltigkeit

9.1 Klimabilanz

Kompostierung beeinflusst den globalen Kohlenstoffkreislauf:

Positive Aspekte:

  • Sequestrierung von Kohlenstoff in stabilen Huminstoffen (10-30% des Input-Kohlenstoffs)
  • Reduktion von Methanemissionen aus Deponien (unkompostierte Abfälle produzieren CH₄)
  • Substitution synthetischer Düngemittel (deren Produktion energieintensiv ist)

Negative Aspekte:

  • N₂O-Emissionen während Kompostierung (N₂O ist 298x klimawirksamer als CO₂)
  • CO₂-Emissionen durch mikrobielle Respiration

Life-Cycle-Analysen zeigen, dass die Klimabilanz von Kompostierung im Vergleich zu Deponierung und Verbrennung generell positiv ist, insbesondere wenn Kompost synthetische Düngemittel ersetzt.

9.2 Kreislaufwirtschaft

Kompostierung ist integraler Bestandteil von Kreislaufwirtschaftskonzepten:

  • Reduziert Abfallvolumen um 50-70%
  • Schließt Nährstoffkreisläufe
  • Vermindert Abhängigkeit von mineralischen Düngemitteln (deren Vorräte begrenzt sind, v.a. Phosphor)
  • Reduziert Transportaufwand (lokale Kompostierung statt zentraler Entsorgung)

In urbanen Systemen erlaubt Kompostierung die Rückführung von Nährstoffen aus Lebensmittelabfällen in periurbane Landwirtschaft, was Resilienz städtischer Lebensmittelsysteme erhöht.


X. Herausforderungen und Zukunftsperspektiven

10.1 Kontamination

Eine zentrale Herausforderung ist die Kontamination von Kompost mit Schadstoffen:

Schwermetalle (Cadmium, Blei, Quecksilber): Können aus Industrieabfällen, behandeltem Holz, Farbstoffen stammen. Akkumulation in Böden führt zu Pflanzentoxizität und Eintrag in Nahrungskette.

Persistente organische Schadstoffe (Dioxine, PCBs, PAKs): Thermische Prozesse können manche Schadstoffe abbauen, andere persistieren.

Mikroplastik: Zunehmend problematisch in kommunalen Bioabfällen. Kompostierung reduziert Partikelgröße nicht signifikant; Mikroplastik akkumuliert in Böden.

Arzneimittelrückstände: Aus menschlichen Exkrementen (in Ländern mit Klärschlammkompostierung) oder Tiermist. Manche Antibiotika und Hormone persistieren durch Kompostierung.

Qualitätsstandards (z.B. EU-Kompostverordnung, US Composting Council Standards) setzen Grenzwerte für Kontaminanten. Quelltrennung (getrennte Sammlung von Bioabfällen) reduziert Kontaminationsrisiko.

10.2 Optimierung durch Technologie

Moderne Entwicklungen:

  • Sensor-Technologie: Kontinuierliche Überwachung von Temperatur, Feuchtigkeit, O₂, CO₂ ermöglicht Echtzeitoptimierung
  • Mikrobiominokulatoin: Zugabe spezialisierter mikrobieller Konsortien beschleunigt Abbau resistenter Substanzen
  • Biochar-Zusatz: Zugabe von Pflanzenkohle (Biochar) erhöht Kohlenstoffsequestrierung, verbessert Kompostqualität
  • Enzymzusätze: Cellulasen, Lipasen beschleunigen Abbau spezifischer Substrate

10.3 Kompostierung von neuartigen Substraten

Forschung untersucht Kompostierung von:

  • Algen-Biomasse: Aus Aquakulturen oder Algenfarmen, hoher Nährstoffgehalt
  • Lebensmittelverpackungen: Biologisch abbaubare Kunststoffe (PLA), wobei Abbaubarkeit unter Kompostbedingungen variiert
  • Pharmazeutische Abfälle: Gezielte Degradation von Arzneimittelrückständen
  • Lignocellulose-Reststoffe: Aus Biokraftstoffproduktion

XI. Schlussfolgerung

Kompostierung ist ein fundamentaler ökologischer Prozess, der menschliche Zivilisationen seit Jahrtausenden nutzen. Die wissenschaftliche Erforschung hat unser Verständnis der mikrobiologischen, biochemischen und physikalischen Grundlagen erheblich erweitert. Moderne Kompostierungssysteme erlauben effiziente, hygienische und umweltfreundliche Behandlung organischer Abfälle.

In einer Zeit wachsender Umweltkrisen — Klimawandel, Bodendegradation, Nährstoffverluste — bietet Kompostierung eine Low-Tech, dezentrale, nachhaltige Lösung. Sie schließt Stoffkreisläufe, reduziert Abfall, verbessert Böden und sequestriert Kohlenstoff. Während Herausforderungen wie Kontamination und Optimierungsbedarf bestehen, zeigt die Forschung Wege zur kontinuierlichen Verbesserung.

Die Zukunft der Kompostierung liegt in der Integration mit anderen nachhaltigen Praktiken: Permakultur, regenerative Landwirtschaft, urbane Landwirtschaft, Kreislaufwirtschaft. Als natürlicher Prozess, der Abfall in Ressource transformiert, verkörpert Kompostierung das Prinzip, dass in Ökosystemen nichts verloren geht — alles wird umgewandelt, recycelt, in neue Lebensformen integriert.


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