Queer wie Kompost

 HUMUS, NICHT HUMANUS

Die Sexualpolitik der Zersetzung


Wir leben in einer Ära der Stasis, der künstlichen Starre. Die bürgerliche Moderne, getrieben vom kapitalistischen Imperativ der Akkumulation und Konservierung, hat eine Welt aus „Plastik“ geschaffen. Plastik ist der ultimative Stoff der Heteronormativität: Er verrottet nicht, er hält die Form ewig, er versiegelt das Innen gegen das Außen. Die bürgerliche Identität – das souveräne, unveränderliche „Ich“ – und die bürgerliche Familie sind soziale Plastikcontainer. Sie sollen den Tod (die Veränderung) aussperren und das „Gleiche“ reproduzieren.

Gegen diese sterile Ewigkeit stellen wir die Ethik des Humus. „Humus“ und „Humanus“ teilen die gleiche etymologische Wurzel, doch der Humanismus hat sich von der Erde (der Humilität) abgewandt, um den Menschen als Krone der Schöpfung zu inthronisieren. Wir fordern eine Rückkehr zum Humus. Wir fordern eine Kompost-Queerness. In diesem Weltbild ist Queerness keine Identität, die man hat, sondern eine ökologische Praxis, die man vollzieht. Es ist die Kunst, sich nicht verpacken zu lassen. Es ist der Mut zur Zersetzung, zur Gärung, zur Kontamination. Wer queer ist, akzeptiert, dass Identität kein fester Besitz ist, sondern ein metabolischer Prozess.

I. 

Das Fundament der alten Ordnung ist das Individuum – das Unteilbare. Gerald Raunig hat in seiner Analyse des „Dividuums“ gezeigt, dass dieses autonome Subjekt eine bürgerliche Fiktion ist. Niemand ist „Eines“. Wir sind immer Viele. Die Kompost-Queerness erhebt diese Vielheit zum ontologischen Prinzip. Betrachten wir den Komposthaufen: Wo endet der Apfelrest und wo beginnt der Regenwurm? Wo endet das Bakterium und beginnt die Erde? Es gibt keine scharfen Grenzen, nur Zonen der Intensität und Transformation.

1. Identität als Prozess, nicht als Substanz So wie im Kompost nichts „von Natur aus“ Abfall oder Nährstoff ist, sondern alles eine Frage des zeitlichen Zustands ist, so ist auch das Geschlecht keine Substanz. Judith Butler lehrt uns, dass Gender performativ ist – eine endlose Reihe von Wiederholungen ohne Original. Die Kompost-Ethik radikalisiert dies: Wir sind Dividuen. Wir bestehen aus verschiedenen Personas, die wie die Schichten eines Komposthaufens übereinander liegen. Am Montag sind wir professionell, am Dienstag aktivistisch, am Mittwoch sexuell. Diese Spaltung ist keine Pathologie, sondern Reichtum. Wie Fernando Pessoa, der unter 70 Heteronymen schrieb und lebte, begreifen wir das Selbst als ein Parlament der Stimmen.

2. Das Ende der Authentizität Die bürgerliche Gesellschaft fordert „Authentizität“ („Sei du selbst!“). Die Kompost-Queerness entlarvt dies als Zwang zur Kohärenz. Es gibt keinen wahren Kern, den man freilegen muss. Es gibt nur das Werden. Trans-Frauen sind nicht „weniger Frau“ als Cis-Frauen, nur weil ihre Weiblichkeit erarbeitet ist. Im Gegenteil: Da alle Weiblichkeit inszeniert ist, ist die bewusste Inszenierung vielleicht die ehrlichere Form der Existenz.

II.

Wenn das Selbst fluide ist, muss der Körper folgen. Wir lehnen die Idee ab, dass die Anatomie ein Schicksal ist. Mit Paul B. Preciado verstehen wir den Körper als „Somatotheque“ – ein lebendes Archiv aus Biomasse, politischen Codes und chemischen Reaktionen. Der Körper ist ein „offenes thermodynamisches System“. Er ist kein Tempel, er ist eine Baustelle.

1. Das Recht auf morphologische Freiheit Die zentrale Forderung der Kompost-Queerness ist die morphologische Freiheit. Dies bedeutet das universale Recht, die Form und Funktion des eigenen Körpers zu verändern – sei es durch Chirurgie, Hormone, Genetik oder Technologie. Hormone wie Testosteron und Östrogen sind keine „Essenzen“ von Männlichkeit oder Weiblichkeit. Sie sind molekulare Werkzeuge, psychoaktive Substanzen, die Bewusstsein und Körperlichkeit modulieren. In einer befreiten Gesellschaft sind diese Substanzen Commons (Allmende). Jeder hat Zugriff auf die Technologien der Selbst-Schöpfung. Das Ziel ist nicht, vom „falschen“ Körper in den „richtigen“ zu wechseln (was wieder binär wäre), sondern den Körper als plastisches Material zu begreifen, das ständig neu geformt werden kann – so wie Erde im Kompost ständig neu gemischt wird.

2. Der Cyborg-Aspekt Donna Haraway hat gezeigt, dass wir längst Cyborgs sind. Brillen, Herzschrittmacher, Medikamente, Smartphones – wir sind Hybride aus Organismus und Maschine. Die Grenze zwischen „Natürlich“ und „Künstlich“ ist obsolet. Eine queer-feministische Praxis umarmt diese Künstlichkeit. Wir „hacken“ das endokrine System. Wir sind keine Post-Humanisten, die den Körper verlassen wollen (Upload), sondern Kompostisten, die den Körper erweitern, indem wir ihn mit der Welt verschalten.

III. 

Die heteronormative Ordnung basiert auf Hygiene: Die saubere Trennung von „Ich“ und „Du“, die Angst vor Ansteckung. Die Kompost-Queerness feiert die Kontamination. Haraways Konzept der Sympoiesis („Mit-Machen“) besagt: Nichts macht sich selbst. Wir sind Kollektive.

1. Make Kin, Not Babies Die bürgerliche Kleinfamilie ist die institutionelle Form der Monokultur. Sie dient der Reproduktion des Gleichen (genetische Weitergabe). Wir setzen dagegen das Konzept des Kin-Making. Verwandtschaft ist nicht Blut, sondern Sorge (Care). Unsere Familien sind „Wahlfamilien“: polyamore Netzwerke, Freundeskreise, artenübergreifende Allianzen mit Tieren und Pflanzen. Sexuelle Intimität dient hier nicht der Fortpflanzung, sondern der Assemblage – der temporären Verbindung von Körpern, Affekten und Begehren, die etwas Neues, Unvorhersehbares erzeugt. Wie im Kompost, wo Pilze und Bakterien sich vermischen, zielt queere Sexualität auf die Auflösung der Grenzen des Egos.

2. Xeno-Eros Unser Begehren richtet sich auf das Fremde (Xeno). Wir wollen nicht das Spiegelbild lieben, sondern das Andere, das uns verändert. Wir praktizieren eine „toxische Intimität“, in der wir zulassen, dass wir vom Anderen „infiziert“ und transformiert werden. Reinheit ist eine Lüge; nur in der Mischung („Messiness“) entsteht Leben.

IV. 

Die Kompost-Queerness ist zutiefst dekolonial. María Lugones und Oyèrónkẹ́ Oyěwùmí haben bewiesen, dass das binäre Geschlechtersystem (Mann/Frau) keine universelle Naturtatsache ist, sondern eine koloniale Erfindung, die indigenen Kulturen aufgezwungen wurde. Vor der Kolonialisierung organisierten viele Gesellschaften (wie die Yoruba) soziale Rollen nicht nach Genitalien.

1. Die Zersetzung der Binarität Geschlecht zu „kompostieren“ heißt daher, das koloniale System zu demontieren. Wir streben nicht nach „Gleichberechtigung“ innerhalb des Systems, sondern nach der Abschaffung der Kategorie Geschlecht als organisierendes Prinzip. In der Utopie der „Blühenden Landschaften“ gibt es keine geschlechtsspezifischen Pronomen, Toiletten oder Kleidungsvorschriften mehr. Der Apfel im Kompost verliert seine Form als Apfel, um Erde zu werden; der Mensch verliert seine Form als „Mann“ oder „Frau“, um ein polymorphes Wesen zu werden.

2. Anti-Normativität Mit Eve Kosofsky Sedgwick verstehen wir Queerness als eine generelle Haltung der Anti-Normativität. Es geht nicht darum, eine neue Norm zu schaffen („Jetzt sind alle pansexuell“), sondern das Prinzip der Normierung selbst zu unterlaufen. Wie ein Komposthaufen keine Ordnung kennt, sondern Chaos zulässt, so lassen wir vielfältige Lebensentwürfe nebeneinander existieren, ohne sie hierarchisch zu ordnen.

V. 

Der Kapitalismus verlangt Linearität: Geburt, Schule, Arbeit, Reproduktion, Tod. Jack Halberstam nennt dies „Reproductive Time“. Dagegen setzen wir die Queer Time. Das queere Leben verläuft nicht linear. Es kennt Brüche, späte Coming-outs, gewählte Kinderlosigkeit, zyklische Neuerfindungen.

1. Zyklische Zeit Unsere Zeit ist die Zeit des Vollmonds (29,5 Tage) und des Komposts (Monate der Zersetzung). Es ist eine Zeit der Geduld und der Gärung. Man kann den Kompost nicht zwingen, schneller zu werden; er hat seinen eigenen Rhythmus. Gleichzeitig ist Queerness, wie José Esteban Muñoz sagt, immer ein „Noch-Nicht“. Sie ist eine konkrete Utopie, ein Horizont.

2. Politik des Scheiterns Ein Komposthaufen sieht aus wie Scheitern – er ist Abfall. Doch genau hier, in den Undercommons, im Verborgenen, entsteht die Hitze, die neues Leben ermöglicht. Wir umarmen das Scheitern an den kapitalistischen Normen (Karriere, Reichtum), um Raum für andere Formen des Erfolgs (Bindung, Erkenntnis, Rausch) zu schaffen.

VI. 

Die Kompost-Queerness ist keine Theorie für eine Minderheit. Sie ist eine Einladung an alle. Wir alle leiden unter der Erstarrung der Identität. Auch Cis-Hetero-Menschen sind in Plastik verpackt. Die Kompost-Queerness sagt: Reißt die Verpackung auf. Wir müssen lernen, uns aufzulösen – nicht im Tod, sondern im Leben. Wir müssen zulassen, dass unsere Gewissheiten verrotten, damit aus dem Humus neue Wahrheiten wachsen können.

Wir sind nicht hier, um das Alte zu bewahren. Wir sind hier, um Dünger zu sein für Welten, die wir uns noch gar nicht vorstellen können.

Wir sind Kompost, nicht Humanus. Make Compost, not Babies.